Donnerstag, 22. November 2012

CHAMPIONS-LEAGUE-MEISTER

AMSTERDAM - Borussia Dortmund galt als Außenseiter in der Gruppe der Landesmeister. Die Königlichen von Real Madrid und der neureiche Scheichklub Manchester City waren hochgehandelt. Ein Spieltag vor Schluss der Gruppenphase ist das Bild ein anderes: Die Borussia steht mit elf Punkten und aufgrund des besseren direkten Vergleichs mit Real Madrid bereits als Gruppensieger fest. Das 4:1 bei Ajax Amsterdam war eine Demonstration der Leistungsstärke und lässt es zu, die Dortmunder als Geheimfavorit zu handeln.
























Mario Götze (r.) und seine Borussia fahren im "Rolls-Reus" durch die Champions-League. Foto: DPA

Den Treffer von Amsterdams Danny Hoesen (86.) kurz vor Schluss konnte die Borussia in Ruhe hinnehmen. Zur exakt gleichen Zeit im letzten Jahr hingegen beendete der damals noch beim FC Arsenal spielende Robin van Persie alle Champions-League-Träume des BVB. Nach dem fünften Spieltag der letzten Saison stand man noch mit vier Punkten und einem einzigen Sieg auf dem letzten Tabellenplatz. Dabei galt der Deutsche Meister neben Arsenal London als Mitfavorit auf das Erreichen des Achtelfinals. Dieses Jahr hingegen kann die letztjährige Tabelle auf den Kopf gestellt werden. Als Underdog zeigt die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp konstant gute Leistungen. Bisher wurde noch kein einziges Spiel in der Champions League verloren. Die Naivität der letzten Jahre wurde abgelegt. Das Spiel an die internationalen Maßstäbe mit deren internationalen Härte angepasst. Statistisch lässt sich die Veränderung unter anderem am Anteil des Ballbesitzes bei der Borussia ablesen. War die Mannschaft im letzten Jahr noch bemüht, dass Spiel zu kontrollieren und mit spielerischen Komponenten die Gegner zu bezwingen, lässt Klopp seiner Mannschaft nun aus einer sicheren Defensive heraus agieren. Im Durchschnitt weist die Statistik deswegen in der Champions League lediglich 40 Prozent Ballbesitz auf, während er in der Bundesliga weit über 70 Prozent liegt. Sicherlich ist die veränderte Spielweise auch auf die vermeintliche „Hammergruppe“ zurückzuführen. Jedoch darf auch angenommen werden, dass die Borussia normalerweise spielstärker ist, als der niederländische Meister Ajax Amsterdam. Entscheidend für den Erfolg sind die Effizienz und die Perfektion des Umschaltspiels. Reus‘ Führung in Amsterdam darf als Paradebeispiel gesehen werden: Nur 11 Sekunden nach der eigenen Balleroberung erzielte der deutsche Nationalspieler nach Vorarbeit von Götze das 1:0.

Schon vor der Pause machte die Borussia dann alles klar. Götze krönte seine beeindruckende Leistung nicht nur mit dem 2:0 (36.) nach einem schönen Solo, sondern auch noch mit der Vorarbeit zum 3:0 (41.) durch Torjäger Lewandowski. Letztgenannter war es auch, der nach der dritten Vorlage Götzes aus spitzem Winkel die Deklassierung Ajax‘ perfekt machte (67.). Danach konnten die Dortmunder und ihre mitgereisten Fans das Spiel beruhigt bis zum Ende laufen lassen. Der schon erwähnte  Anschlusstreffer (86.) des eingewechselten Danny Hoesen war daraufhin nur noch Ergebniskosmetik und ließ wenigstens die heimischen Fans in der ausverkauften Amsterdam-Arena ein wenig jubeln. Mehr jubeln durften aber vor allem die BVB-Spieler, die offenbar gewillt sind nach den beiden enttäuschenden Europapokalsaisons endlich die internationale Klasse nachweisen zu wollen. So scheint nicht nur die taktische Ausrichtung Klopps sich geändert zu haben, sondern auch das Selbstbewusstsein seiner Spieler. Bis jetzt hat es sich ausgezahlt, die höhere Konzentration dem vermeintlich prestigeträchtigeren Wettbewerb zuzuwenden.

Joachim Watzke hatte nach der Gruppenauslosung noch gemeint, dass in dieser Gruppe Helden geboren werden. Auch wenn bei der Borussia einige herausstachen, ist es schwer Helden zu finden. Erstaunlich aber sind die mannschaftliche Geschlossenheit und taktische Disziplin mit der die Dortmunder auftreten. Eigentlich müsste deswegen der ganzen Mannschaft der Heldenstatus verliehen werden.

TEXT: FREDERIC ZAUELS, PICTURE: DPA

Samstag, 10. November 2012

MIT ANGEZOGENER HANDBREMSE


AUGSBURG - Borussia Dortmund gewinnt nach dem triumphalen Unentschieden im Bernabéu auch im vermeintlich ruhigen Augsburg. Individuelle Glanzlichter übertrumpfen einen spielerisch schwachen Auftritt der Klopp-Elf. Für die Augsburger bedeutet die Niederlage einen weiteren Rückschlag im Kampf um den Klassenerhalt. Der Rückstand auf den letzten Bundesligaplatz beträgt bereits fünf Punkte.



Robert Lewandowski war mit zwei Treffern gegen den FC Augsburg Machtwinner der Borussia. (Foto: DeFodi)

Es schlug die achte Minute als Marco Reus mal wieder zu einem seiner gefürchteten Dribblings ansetzte. Augsburgs Verteidiger Langkamp konnte nur noch sein Bein dazwischen stellen und der Dortmunder nahm das Freistoßgeschenk gerne an, verwandelte er doch gleich selbst aus spitzem Winkel mit einem genialen Schuss in selbigen. Der Sonntagsschuss von Reus war für die Borussia aus Dortmund aber offenbar ein Signal, dass Fußballspielen einzustellen. Der Torschütze hatte sich wohl selbst geirrt, glaubte er auch im Nachhinein noch, dass das frühe Tor der Dortmunder Mannschaft eigentlich in deren Karten spielen sollte. Der Dortmunder Motor jedoch stellte auf Kraftsparmodus um. Von da an spielte nur noch die Mannschaft von Trainer Markus Weinzierl, der FC Augsburg. Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc hatte schon vor dem Spiel gewarnt und gehofft, dass sein Team nach dem Champions-League-Auftritt in Madrid „die richtigen Gedankengänge für so ein Spiel kanalisieren kann“. Auch wenn es kompliziert klang, so erhoffte sich der sportliche Leiter der Borussia ganz profan, dass seine Spieler das Champions-League-Niveau endlich auch in die Bundesliga konservieren können. In der ersten Hälfte aber war die ein oder andere Sorge der Verantwortlichen aufgrund des Chancenplus des Tabellenletzten verständlich. 

In der Halbzeit fand Dortmunds Trainer, der im Vergleich zum Spiel bei Real Madrid lediglich Sven Bender und Felipe Santana für die angeschlagenen Kehl und Subotic in die Mannschaft rotierte, die richtigen Worte. Jedenfalls schien die Borussia darauf bedacht, dass Spiel beim Tabellenletzten schnell zu entscheiden. Torjäger Robert Lewandowski, um den es in dieser Woche wieder einmal Wechselgerüchte gab, entschied dann auch im Alleingang: Nach ansehnlicher Vorarbeit von Mario Götze setzte er sich gegen zwei Augsburger Verteidiger durch und tunnelte Torwart Jentzsch (51.), bevor Nationalspieler Reus dem Polen so auflegte, dass er nur noch einschieben musste (70.). Zwar traf Sascha Mölders für die Augsburger noch zum Anschluss und beendete somit die 369 Minuten anhaltende Tormisere in der SGL-Arena, doch dies war nur noch Kosmetik.

Die Borussia gewinnt demnach zum zweiten Mal in Folge auswärts und hat die internationalen Plätze weiterhin im Blickfeld. Augsburg und Trainer Weinzierl hingegen müssen sich hinterfragen, ob eine offensive Taktik für die Mannschaft passend erscheint. Die Abschlussschwäche der Augsburger ist bei einem positiven Torschussverhältnis von 13:12 jedenfalls offensichtlich, sodass letztendlich das Ausnahmekönnen der BVB-Spieler den Unterschied ausmachte. Das stellt auch Michael Zorc nüchtern fest: „Die individuelle Klasse entscheidet dann eben solche Spiele.“ Der Augsburger Mannschaft fehlt ein kaltschnäuziger Vollstrecker. Vielleicht kann der Langzeitverletzte Mölders wieder in diese Rolle hineinschlüpfen. Der erfolgreichste Schütze der letzten Saison verzeichnete mit seinem Anschlusstreffer den einzigen Lichtblick für die Fuggerstädter an einem sonst zu vergessenem Nachmittag.

FC Augsburg - Borussia Dortmund 1:3 (0:1)
0:1 Reus (9.)
0:2 Lewandowski (51.)
0:3 Lewandowski (70.)
1:3 Mölders (82.)
Augsburg: Jentzsch - Callsen-Bracker, Sebastian Langkamp, Klavan, Ostrzolek - Ottl, Vogt (84. Bance) - Koo, Baier, Werner (60. Musona) - Oehrl (69. Mölders)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Felipe Santana, Hummels, Schmelzer - Sven Bender, Gündogan - Großkreutz, Götze (76. Leitner), Reus (85. Kirch) - Lewandowski (74. Schieber)
Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: 30.660 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Sebastian Langkamp (2), Vogt (4) - Sven Bender, Weidenfeller

Donnerstag, 8. November 2012

DER ALTE WEG

MÖNCHENGLADBACH - Lucien Favre ist genervt. Er lamentiert, fuchtelt mit den Armen, zeigt den Schiedsrichtern die Brille. All diese exzentrischen Handlungen kennt man von dem sonst so besonnenem Schweizer eigentlich nicht. Doch diese Saison, so hat Favre schon im Vorfeld mehrfach betont, ist auch für den erfahrenen Trainer kein Alltag sondern eher Ausnahmesituation.
Gladbachs Juan Arango ist bisher einer der wenigen überzeugenden Borussen in dieser Saison. (Foto: dpa)
Borussia Mönchengladbach hat eine berauschende Saison hinter sich. Nachdem ein Jahr zuvor noch der Abstieg verhindert wurde, sicherte sich die junge Mannschaft den vierten Platz, der zur Qualifikation an der Champions-League berechtigt. Die Fans waren entzückt und fühlten sich an die erfolgreichen 70er Jahre mit den heutigen Legenden Netzer, Overath und Vogts erinnert. In ihre Fußstapfen traten nicht nur in fußballerischer Hinsicht Marco Reus, Roman Neustädter und der Brasilianer Dante. Denn auch ihr Abgang wiegt ähnlich schwer, wie der der damaligen Gladbacher Ikonen. Favre sprach von dem Verlust einer „Achse“. Jedoch nicht irgendeiner, sondern der Selben wie beim Weltklub Barcelona: „Das ist dasselbe, als wenn Pique, Xavi und Messi Barcelona verlassen würden.“ Eine Aussage, die nicht nur den Druck von der Mannschaft nehmen soll. Tatsächlich schnitt Favre sein System auf diese Spieler zu. Marco Reus sorgte mit seinen überraschenden und schnellen Dribblings für die kreativen, inspirierenden Momente in einem auf Sicherheit bedachten Spiel, während Neustädter und Dante wegen ihrer spielerischen Klasse den Aufbau übernahmen und defensivtaktisch klug verschoben.

Die sportliche Leitung war also vor der Saison gezwungen, einen Neustart einzuleiten. Der Kader musste mit neuer, auch individueller Qualität gefüllt -, die abgegebenen Spieler ersetzt werden. Es scheint daher kein Zufall, dass mit Álvaro Domínguez (23) und Granit Xhaka (20) zwei junge Talente für die Defensive verpflichtet wurden, die scheinbar ähnliche Anlagen auszeichnen wie ihre Vorgänger. Der Schweizer Auswahlspieler Xhaka ist wegen seiner Größe körperlich ebenso robust wie kopfballstark, kann zudem ein Spiel lesen und Pässe in die Tiefe spielen. Domínguez, der vom Euro-League-Gewinner Atletico Madrid kam, ist ein technisch versierter Innenverteidiger mit einem exzellenten Passspiel. Alleine Luuk de Jong, Torschützenkönig der vergangenen Saison in den Niederlanden stellt einen anderen Stürmertyp als Marco Reus dar. Der holländische Nationalstürmer spielt im Sturmzentrum, kommt über seine Präsenz im Strafraum, ist ein Knipser. Sportdirektor Max Eberl sicherte den Gladbachern so drei der gefragtesten Talente auf dem europäischen Transfermarkt. Dies machte sich natürlich auch auf dem Konto des Europacupteilnehmers bemerkbar. Insgesamt wurden circa 30 Millionen Euro in die Mannschaft investiert.

Lucien Favre musste sich damit zufrieden geben. Eine derartige finanzielle Unterstützung hatte er in Berlin nicht bekommen. Ganz im Gegenteil musste er dort eine Mannschaft trotz Schuldenabbau ins internationale Geschäft führen. In Gladbach aber hoffte der Schweizer, dass die neuen Spieler geradezu prädestiniert seien für sein System. Bisher hingegen wartet er vergeblich auf ihren Durchbruch. In der Qualifikation zur Champions League scheiterte seine Mannschaft an Dynamo Kiew. In der Bundesliga wechseln sich gute Leistungen mit teilweise hohen Auswärtsniederlagen ab. Dabei spielt die Mannschaft kopflos und ergab sich bei den Auswärtsspielen in Dortmund und Bremen schnell in sein Schicksal. Die hohe Anzahl der Gegentreffer entspricht auch nicht dem Favreschen Sicherheitsfußball der letzten Saison, als die Borussia nach dem FC Bayern die zweitbeste Abwehr stellte. Nach zahlreichen individuellen Fehlern waren deswegen auch Xhaka und Domínguez außen vor. Dabei waren sie nicht die einzigen Planstellen, die der Trainer mehrfach auswechselte. Favre experimentierte in Nuancen an seiner Philosophie des Fußballs. Versuchte das Spiel auf die neuen Gegebenheiten anzupassen, ohne Erfolg. Im Moment vertraut Favre daher lieber den Spielern, die letzte Saison noch die Back-Ups waren. Die Routiniers Roel Brouwers und Thorben Marx erfüllen in dem einstudierten Spielsystem die Aufgaben zuverlässiger. In Gladbach geht man also einen Schritt zurück, bevor die neuen Spieler integriert werden. Der erfolgreiche, alte Weg, wird wieder verfolgt.  

In Marseille geht es jetzt darum, dass Überwintern in der Europa-League zu festigen. Vieles wird dann wieder auf die Form von Juan Arango ankommen. Er ist der letzte Mohikaner der überragenden Offensive der letzten Saison. Das Spiel der Gladbacher steht und fällt mit dem schon in letzter Saison überzeugendem Linksfuß. Nach dem Weggang der Gladbacher „Xavis und Messis“ steht der ruhige Venezulaner im Fokus der Öffentlichkeit. Und Lucien Favre erwartet gerade von ihm eine hohe Leistung in jedem Spiel. 

Text: Frederic Zauels