Samstag, 21. September 2013

MISTER HALBSMART

In den Gazetten kam er noch glimpflich davon. Vergleiche zu „Dr. Jekyll und Mr. Hide“ wurden ebenso gezogen, wie der erneute Ausbruch des vor Neapel liegenden Vulkans Vesuv. Doch der Ausraster von Jürgen Klopp ist mehr, als die Vergleiche hergeben. Er ist hausgemacht. Wenn ein Stadion bebt, die Fans bis zum Anschlag mitgehen, Pyrotechnik die Stimmung anheizt, dann fließt auch bei Jürgen Klopp das Adrenalin schneller. Dann erwacht im Trainer Klopp die Spielerpersönlichkeit des Jürgen K. Der „Gerechtigkeitsfanatiker“ taumelt in seinem Element. Giftet gegen Schiedsrichter, gegnerische Trainer und Sportdirektoren, gegen alles, was ihm gerade über den Weg läuft.

Zwar sind seine Opfer weder an Leib, Leben oder Besitz zu Schaden gekommen, von traumatischen Erfahrungen könnte der vierte Offizielle Tomé aus Portugal nach dem Wutangriff mit gefleischten Zähnen allerdings später berichten. Klopp gab das Bild eines losgelassenen Terriers ab. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Trainer sich selbst von der Leine lässt. Als er vor drei Jahren einem überforderten wirkenden Stefan Trautmann seine BVB-Baseballcap ins Gesicht drückt, glauben viele, dass allein diese Cap schlimmeres verhindert habe. Schließlich versperrte sie den direkten Kontakt der beiden Hitzköpfe. Der damalige DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz-Michael Fröhlich sprach damals von einem „aggressiven Potenzial“, welches in Klopp stecke. Hieraus könnten „gewaltsame Exzesse“ entstehen warnt er. Die Leute schmunzelten. Nach dem Vulkanausbruch am Vesuv muss Klopp nun aber achten, nicht seinen Ruf zu verlieren.

Den größten Schaden hingegen, dass merkte der eigentlich smarte Klopp schnell, fügte er mit dieser Aktion seiner Mannschaft zu. Der Mannschaft, die von der Emotionalität des ehemaligen Mainzers doch eigentlich profitiert und in wichtigen Spielen stets über sich hinaus wuchs. Die, obwohl sie spielerisch unterlegen, durch Leidenschaft und Einsatz vieles übertrumpft. Am Mittwoch, so Klopp bei sky, sei der emotionale Weidenfeller auch wegen ihm vom Platz geflogen. Tatsächlich wirkte sein Team nach seinem Platzverweis äußerst verunsichert, auch verwirrt. Die Minuten nach seinem Verweis auf die Tribüne sind hektisch und verlaufen unglücklich. Erst Co-Trainer Buvac gelang es in der Halbzeit, beruhigende Worte zu finden.   


Gestern erlebte Klopp auch einen sehr ruhigen und emotionalen Moment. Bei der Beerdigung seines früheren Trainers und Freundes Wolfgang Frank hielt der gebürtige Stuttgarter die Todesrede. Dort war der Trainer in seinem anderen Element und bewies eindrucksvoll seine ausgezeichneten Fähigkeiten als rhetorisch wertvoller Redner, der zu jeder Zeit den richtigen Ton trifft. 

Mittwoch, 11. September 2013

RÜCKKEHRER SOLLEN RÜCKKEHR IN DIE BUNDESLIGA ERMÖGLICHEN


KÖLN/HAMBURG. Fahrig ist der FC aus Köln in die Saison gekommen. Drei Unentschieden in Folge gab es zu Beginn der Zweitligasaison. Nach dem fünften Spieltag ist die Euphorie in und um die Domstadt aber wieder riesengroß. Aus den letzten vier Partien siegten die Kölner gleich  dreimal. Dafür zeichnen sich einige Rückkehrer verantwortlich. Im Team vom neuen Trainer Peter Stöger nehmen Marcel Risse und Slawomir Peszko die Flügel ein. Sie sind die Robben und Riberys des Traditionsvereins. Dazu der ehemalige Nationalspieler Patrick Helmes, der beim ersten Spiel gleich doppelt traf. Die Rückkehrer sollen den FC wieder in die erste Liga führen. Dort sehen sich Aushilfskapitän Risse, Helmes und Peszko auch. Der 29-Jährige Helmes hat genauso wie Peszko mit dem FC einst dort gespielt. Risse ist zwar ein echter Kölner, hat aber die Jugendakademie von Erzrivale Bayer Leverkusen durchlaufen. Das ist jetzt egal. Alle sind sie in ihre Stadt zurückgekehrt um aufzusteigen. Risse, in dieser Saison bereits mit vier eigenen Toren und Peszko, der im ersten Spiel seit seiner Rückkehr direkt ein Tor schoss und eins vorbereitete, sind die gefährlichsten und schnellsten Außen der Liga. Kölns neuer Trainer Peter Stöger gewährt ihnen dafür im taktischen System des Aufstiegsfavoriten Freiheiten. Wenn beim 13-maligen Nationalspieler Helmes nach seinem Kreuzbandriss das nötige Selbstvertrauen zurückkehrt, dann könnte gar ein neues, altes Kölsches Dreigestirn entstehen. Dafür verzichtete der torgefährliche Ur-Kölner und Ex-Leverkusener sogar auf 1,5 Millionen Euro Gehalt aus Wolfsburg.

Marcel Risse (l.) bejubelt sein 2:0 gegen Erzgebirge Aue. Peszko herzt ihn dafür. Foto: getty images

Die Kölner Fans wissen artgerecht mit ihren Schützlingen umzugehen. Nach einem Sieg feiert die Domstadt die Mannschaft und sieht sie schon unangefochten auf dem Weg zum Titel. Marcel Risse sieht dem ganzen Treiben skeptisch gegenüber. Er sei trotz seiner Vorliebe für „Tattoos und dicke Autos“ eher der ruhige Typ, versichert der 23-Jährige.  Auch der Pole Peszko, der durch seine damalige Alkoholfahrt in Köln mit der anschließenden Suspendierung erst noch den Kredit der Fans zurückgewinnen muss, bläst leise Töne. „Ich war bei meiner Auswechslung völlig fertig, aber glücklich. Ich habe mir so gewünscht, wieder hier zu spielen. Und das es dann gleich so klappt, unglaublich“. Dabei war seine Rückholaktion alles andere als simpel. Der vom italienischen Fiskus mit Argusaugen beobachtete FC Parma hält die Transferrechte des polnischen Nationalspielers. Sie wollten den Leihbedingungen der Kölner zunächst aber nicht zustimmen. Erst das Verhandlungsgeschick von Sportdirektor Schmadtke begünstigte die Rückkehr. Schmadtke, auch neu gekommen und auch ein Ex-Kölner, träumt von einer erfolgreichen Saison.

Denn Aufsteigen, dass wollen sie in Köln. Und zwar möglichst bald. Dafür sind nicht nur die drei verlorene Söhne zurück in die Stadt am Rhein gekehrt. Eine vielversprechende Perspektive.  

Dienstag, 10. September 2013

HUMMELS NACH LÄNDERSPIEL UND KLOPP-SCHELTE IN DER KRITIK


HAMBURG. Auch heute Abend vertraute Jogi Löw ihm nicht. Stattdessen liefen Jerome Boateng und Per Mertesacker auf den windigen Färöer-Inseln auf. Doch heute präsentierte sich der 24-Jährige den ohnehin nicht so zahlreich erschienenen Medien nicht schon demonstrativ vor dem Anpfiff der Partie auf der Ersatzbank der DFB-Elf, als wolle er die Entscheidung Löws als überraschend darstellen. Ganz im Gegenteil ist Löws Nichtnominierung die logische Konsequenz des schwachen Saisonstarts vom Dortmunder. 
 
Mats Hummels schaut skeptisch. Er sitzt alleine auf der Ersatzbank des DFB beim Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft gegen Österreich. Foto: Lorenz Baader via Bild.de

Nicht nur in der Nationalmannschaft ist der Dortmunder zurzeit außen vor. Auch im Verein droht ihm Rückenwind. Jürgen Klopp nahm seinen Schützling bei der Partie in Frankfurt zur Pause raus. Zu viele Stellungsfehler fabrizierte der in der letzten Saison noch sichere Hummels. Handelte sich zudem eine gelbe Karte ein. Es war nicht der erste Fingerzeig vom Dortmunder Trainer gegenüber seinem Spieler. Schon in der laufenden Woche monierte der Übungsleiter lautstark, dass Hummels die Übung nicht mit der notwendigen Leistung absolviere. Hummels widersprach. Dabei scheinen die Probleme des gebürtigen Müncheners hausgemacht. Bereits in der letzten Saison zeigte er vor allem zu Beginn eklatante Abstimmungsschwierigkeiten mit seinem Partner Subotic. Verzettelte sich oftmals in unnötigen Aktionen und verlor den Ball. Weil Klopp seit dieser Saison in Sokratis einen starken Ersatz hat, spielt der Grieche, wenn einer seiner Stammverteidiger schwächelt. Die Wohlfühloase Dortmund mit sicheren Stammplätzen gibt es nicht mehr.

Klopp möchte offenbar auch das Spiel von Hummels variieren. Der 25-fache Nationalspieler soll einfacher, sicherer spielen. Seine gefürchteten Pässe, die oftmals das Spiel eröffnen aber gleichzeitig risikoreich sind, weniger einstreuen. In Ilkay Gündogan und Nuri Sahin hat Klopp zwei andere Spieler für diesen Job auserkoren. Die noch eine Linie höher stehen und deshalb direkter die Dortmunder Spitzen einsetzen können. Hummels gefällt das nicht. Genauso wenig wie die lobenden Worte für seinen Konkurrenten Jerome Boateng., welcher sich „in einigen Belangen deutlich verbessert habe“. 

Joachim Löw und Jürgen Klopp wissen aber, was sie an dem filigranen Spieler haben. Löw wollte nach dem Spiel gegen Österreich nochmal ausdrücklich betonen, dass er „ein großer Fan der Qualitäten von Hummels sei“. Auch Klopp wird wohl auf kurz oder lang nicht auf die öffnenden Pässe des Innenverteidigers verzichten wollen. Die derzeitigen Degradierungen Hummels dürften aber für den ehemaligen Bayernspieler ein wichtiges Indiz sein. Auf den Vorschusslorbeeren der vergangenen Saison darf sich nicht ausgeruht werden. Die Konkurrenz in der Nationalmannschaft wie auch bei der Borussia ist groß und die von seinen Trainern  geforderte Konstanz demnach enorm wichtig.


Text: Frederic Zauels, Fotos: siehe Bildunterschrift