Samstag, 19. April 2014

BEIM HSV GEHEN DIE LICHTER AUS

Heimspiele galten beim abstiegsbedrohten Hamburger SV als letzter Strohhalm. Das gilt ab heute Abend nicht mehr. Mit 1:3 (0:2) verloren die überforderten Hanseaten zuhause gegen den Champions-League-Aspiranten aus Wolfsburg. Die Lage des Bundesligadinos wird nun immer dramatischer. Bei einem Sieg des 1. FC Nürnberg gegen Bayer Leverkusen könnte der noch ewige Bundesligist auf einen direkten Abstiegsplatz rutschen. Die Hoffnungen auf den Klassenerhalt schwinden.

Es war gerade eine Minute gespielt, da schockte der Ex-Dortmunder Ivan Perisic den Hamburger Sportverein bereits. Der Kroate verwertete einen Zuckerpass des brasilianischen Nationalspielers Luiz Gustavo aus dem Mittelfeld zur eiskalten Dusche für die Hamburger, die daraufhin verunsichert wirkten. Aus dem hohen Pressing des VfL Wolfsburgs konnten sie sich nie befreien. Die Mannschaft von Trainer Mirko Slomka, aufgrund der Verletzungen von van der Vaart und Djourou kurzfristig noch umgebaut, zeigte sich konzept- und orientierungslos. Die Zuversicht, die rund 1000 Fans den Spielern durch ihren Besuch beim gestrigen Abschlusstraining übermitteln wollten, war schnell verflogen. Abwehrspieler Heiko Westermann bekannte nach dem Spiel: „Wolfsburg war über 90 Minuten lang die bessere Mannschaft. Wir hatten personell nicht die Möglichkeit, den VfL zu schlagen“. Tatsächlich hatte der HSV trotz einer ausgeglichenen Statistik nie die Chance den VfL Wolfsburg wirklich zu besiegen. Ständig waren die Niedersachsen einen Schritt schneller am Ball. Ständig hatten ihre Offensivspieler die besseren Lösungen für enge Situationen und kreierten zahlreiche Chancen. Bei den Hanseaten strahlte dagegen wie fast immer nur Hakan Calhanoglu Torgefahr aus. Er ist seit langem der einzige Spieler des HSV, der seine Bundesligatauglichkeit stetig nachweist. Derzeit ist er auch die einzige Versicherung der Hanseaten für den Klassenerhalt. Nach dem Spiel verließ allerdings auch dem exzellenten Standardschützen der Glauben: „Jetzt kann uns nur noch der liebe Gott helfen“, sagte der 19-Jährige türkische Nationalspieler.

Nach einer intensiven Anfangsphase ließen die Gäste zwar etwas nach, die Kontrolle über das Spiel verlor das Team von Trainer Dieter Hecking aber nie. Im Mittelfeld durfte der HSV kombinieren, wurde aber nie gefährlich vor dem Tor von Max Grün. Chancen hatten nur die Wölfe. Kurz vor der Pause bestrafte der Winterneuzugang des VfL Kevin de Bruyne die schläfrige linke Seite der Hanseaten und schloss einen vom Ex-HSV-Spieler Ivica Olice initiierten Angriff gekonnt in das rechte untere Eck ab. Sieben Hamburger Feldspieler standen dabei im eigenen Strafraum und schafften es nicht, den Treffer zu verhindern. Während Nationalspieler Heiko Westermann den entscheidenden Zweikampf gegen de Bruyne nicht annahm, konnte Torwart René Adler den Einschlag aus spitzem Winkel nicht verhindern. Im Hamburger Stadion herrschte Totenstille. Zur Pause gab es Pfiffe.

Ohne Leidenschaft, ohne Kreativität, ohne Konzept

HSV-Fans, die nach dem Seitenwechsel noch an eine Wendung der Partie glaubten, wurden nach der Pause abermals eines Besseren belehrt. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff traf der VfL zum dritten Mal. Dieses Mal nach einer Standardsituation: Ivica Olic verlängerte einen Kopfball von Innenverteidiger Naldo zum 3:0 in der 48. Minute. Fans, die dem HSV gestern noch zur Seite standen, verließen bereits nach 48 Minuten das Stadion. Auch auf den Rückhalt der Fans kann der HSV also offenbar im Kampf um die Klasse nicht mehr bauen. Nach dem Spiel harrten andere Anhänger noch bis lange nach dem Abpfiff aus. Sie ließen ihren Frust an Absperrgittern und Sträuchern aus, die durch die Luft in Richtung des abgetrennten Spielerbereichs flogen. Die Polizei musste eingreifen.

Mut für einen Endspurt dürfte Mirko Slomka auch die letzte halbe Stunde seines Teams nicht gemacht haben, auch wenn er dies gegenteilig sah. Trotz des Anschlusstreffers von Ivo Ilicevic (58. Minute) hatte man allerdings nie das Gefühl, dass alle Spieler des HSV noch an eine Wende glauben. Vielmehr vermisste man beim Dino Leidenschaft und Konzept. Auch die Auswechslungen in der zentralen Achse der Hamburger um Rincón und Arslan brachten nicht die erhofften Effekte. Umso verwunderlicher, dass Sportdirektor Oliver Kreuzer dem Team nach dem Abpfiff keinen Vorwurf machen möchte und bereits an ein mögliches Relegationsspiel denkt. „Die Jungs haben gekämpft und gerackert“ sagte Kreuzer. „Wir haben so viele Rückschläge erlitten und Wolfsburg war stark. Wir schauen uns jetzt mögliche Relegationsgegner an. Es wäre aber auch fahrlässig, es nicht zu tun." Es scheint so, als möchte sich Hamburgs Sportdirektor nicht nur an jeden noch vorhandenden Strohhalm klammern, sondern als hätte er vielmehr noch immer nicht die bedrohliche Situation erkannt. Fast schon amateurhaft wirken seine Aussagen. Man hat nicht das Gefühl, als erreiche er das Team noch. Nach der Niederlage in der letzten Woche in Hannover verwies man auf eine Auswärtsschwäche. Das der zuvor erlangte Heimsieg gegen Bayer Leverkusen mehr als glücklich zustande kam, darüber sprach niemand. Kreuzer ist nicht Herr der Lage. Bei einem Sieg von Konkurrent Nürnberg im morgigen Heimspiel gegen Bayer Leverkusen verlöre der HSV sogar den angesprochenen Relegationsplatz, der ihn zu zwei Entscheidungsspielen über den Verbleib in der Bundesliga gegen den Drittplatzierten der zweiten Liga berechtigt.

Hoffnung auf Klassenerhalt gleich null

Auch der Torschütze und ehemalige Publikumsliebling der Hanseaten glaubt nicht mehr an den Klassenerhalt. Mirko Slomka versucht dafür noch alles. Zum nächsten Spiel beim FC Augsburg soll die Mannschaft zwei Tage vorher anreisen. Das Team soll sich in einem Kurztrainingslager vollkommen auf den Abstiegskampf fokussieren. Eine verspätete Maßnahme.


Noch allerdings ist der HSV nicht gestorben. Noch ist ein Herzschlag zu vernehmen, denn die bekannte Uhr im Stadion, die die Zeit des HSV in der Bundesliga anzeigt, tickt noch. Theoretisch ist der HSV nämlich noch zu retten. Praktisch wird die Rettung in dieser Verfassung unrealistischer. 

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