Donnerstag, 12. Juni 2014

BRASILIEN GEGEN KROATIEN: INDIVIDUELLE QUALITÄT UND EINE STARKE MITTE


Hamburg - Der WM-Favorit und Gastgeber Brasilien trifft im Eröffnungsspiel in Sao Paulo auf die Auswahl Kroatiens. Die Europäer werden von einem in Deutschland bestens bekannten Brüderduo trainiert: Den in Berlin aufgewachsenen Robert und Niko Kovac. Welches Spiel ist zum Auftakt der WM zu erwarten?

Starke brasilianische Defensive

Der brasilianische Fußball steht für Spielkultur, einen berauschenden Stil mit großartigen Einzelspielern. Auch dieses Jahr soll mit Flügelstürmer Neymar einer die Rolle des Superstars, des Einzelkönners, der Spiele im Alleingang entscheidet, einnehmen. Bedeutender für den Erfolg der Selecao wird allerdings die Leistung der Abwehr sein.

Die Gastgeber verfügen über die vermeintlich stärkste Viererkette aller Teams bei dieser Weltmeisterschaft – gilt eine Abwehr-Formation mit vier Spielern als Maßstab. Mit Kapitän und Innenverteidiger Thiago Silva von Paris St. Germain gibt es nicht nur einen echten Anführer, sondern auch einen Abwehrorganisator. Silva gewinnt durchschnittlich 85% seiner Zweikämpfe in der Nationalmannschaft, bringt über 90% seiner Zuspiele zum Mitspieler. Er war der Star des vergangenen Confederations-Cup. Neben Thiago Silva läuft David Luiz auf. Nach seinem Wechsel zu Paris St. Germain für 65 Millionen Euro ist er der teuerste Abwehrspieler aller Zeiten. Die Außenverteidiger sind Dani Alves vom FC Barcelona und Marcelo von Real Madrid.

Unterstützt wird die Kette vom Wolfsburger Luiz Gustavo, der als defensiver Mittelfeldspieler beim eigenen Spielaufbau eine Dreierkette mit den Innenverteidigern bildet. Die Defensive ist somit das Prunkstück der Auswahl von Trainer Felipe Scolari. Mit dieser Formation sichern sich die Brasilianer nicht nur gegen schnelle Gegenangriffe ab, sondern sind äußerst pressingresistent. Für das Eröffnungsspiel gegen Kroatien sind diese Komponenten aber höchstwahrscheinlich irrelevant. „Wir wollen keinen Bus im Strafraum parken, sondern attackieren“, sagte Kroatiens Trainer Niko Kovac im Vorfeld der Partie. Die Europäer dürften somit defensiv auftreten. „Wir wollen alles dafür tun, dass die Fans buhen und pfeifen“, erhofft sich der 42-Jährige.  

Das Zentrum könnte entscheiden

Die Stärken des Teams um Champions-League-Gewinner Luka Modric von Real Madrid liegen im Zentrum. Hier spielt auch der ehemalige Schalker Ivan Rakitic, der angeblich kurz vor einem Wechsel zum FC Barcelona steht. Modric und Rakitic sind Spieler von Weltklasseformat, sie könnten im Mittelfeld die entscheidenden Vorteile für die Kroaten herausspielen, sofern das Team von Chefcoach Niko Kovac mit einem Ballbesitzfußball überrascht. Die Brasilianer sind im Zentrum unterbesetzt, die Außenverteidiger Dani Alves und Marcelo müssen in dieser Zone aushelfen, weil außer Paulinho von den Tottenham  Hotspur niemand die Mitte abdeckt. Kroatien könnte mit den ballsicheren und kreativen Akteuren Mateo Kovacic von Inter Mailand sowie Marcelo Brozovic von Dinamo Zagreb diese Zone gewinnbringend überladen.

Beide Teams mit Fokus auf den Flügeln

Im letzten Test gegen Australien wurde allerdings der Fokus auf ein Flügelspieler gelegt, bei dem Kapitän und Rechtsverteidiger Dario Srna auf der rechten Seiten sehr offensiv agiert, da Stürmer Eduardo durch inverse Bewegungen diese Seite oftmals verweist. Auf dieser Seite treffen die Kroaten aber auf eine spiel- und offensivstarke linke Seite Brasiliens, die Marcelo und Neymar besetzen. Eine offensive Spielweise könnte deshalb ein kluger Schachzug sein, doch womöglich öffnen sich für die beiden Stars der Selecao, die in Eins-zu-Eins-Situationen im Vorteil sein dürften, viele Freiräume.

Für die Kroaten wird es deshalb darauf ankommen, dass zentrale Mittelfeld einzubinden, um dort die notwendige Stabilität zu erzeugen. Die Brasilianer ziehen ihre Angriffe zwar zumeist mit einer Überladung der Flügel auf. Die Intensität ihres Spiels ist dabei allerdings wechselhaft. Ab und an gibt es Phasen im Spiel, in denen die Offensive früh presst, ohne dabei kollektiv zu agieren.

Entscheidend wird deshalb sein, dass die Kroaten ihre individuelle Unterlegenheit durch taktisch kollektive Lösungen kaschieren können. Den größten Nutzen könnten sie aus einem zentrumfokussierten Spiel ziehen. Damit könnte das Team nicht nur offensiv überraschen, sondern auch auf die improvisierten Überladungen der Brasilianer auf den Flügeln bestens reagieren.

Voraussichtliche Aufstellung:

Brasilien: Julio Cesar – Dani Alves, David Luiz, Thiago Silva, Marcelo – Luiz Gustavo – Neymar, Paulinho, Oscar, Hulk – Fred

Kroatien: Pletikosa – Srna, Vida, Lovren, Pranjic – Modric, Rakitic – Perisic, Kovacic, Eduardo – Jelavic